Wasser von außen, Wasser von innen.

Mein letzter Tag auf Aogashima steht mir mehr oder weniger zur freien Verfügung. Was bedeutet, ich kurve mit meinem Auto ein wenig über die Insel und versuche noch ein paar neue Ecken zu entdecken, während bei der Bevölkerung das Leben normal weiter geht.

In den paar Minuten, in denen ich zu Fuß unterwegs bin, begegnen mir schon mal nur Leute, die mich kennen.

Ein Geschwisterpaar ist in Sportkleidung wahrscheinlich auf dem Weg zur Schule und Satoshis Tochter begegnet mir in Arbeitssachen mit einer Schubkarre.

Das lässt mich darauf schließen, dass der Sonntag hier nicht ganz so eine Bedeutung hat wie bei uns.

Ich überquere die einzige Ampel hier auf Aogashima. Nicht das die bei dem Verkehr hier wirklich notwendig wäre.

Sie steht vor der Schule und dient den Schülern als praktisches Beispiel im Verkehrsunterricht.

Fakt ist, auf Aogashima gibt es keine weiterführenden Schulen. Bevor die Highschool beginnt, müssen die Kinder auf die Hauptinsel nach Tokyo oder in eine andere Stadt. Da ist es schon wichtig einmal die Funktion einer Ampel kennengelernt zu haben. Leider kommen sehr wenige wieder zu dem recht einfachen und harten Leben auf die Insel zurück. Ein großes Problem für die Bewohner.

Ich möchte die Ampel ausprobieren und da das Fußgängermännchen rot leuchtet, drücke ich tapfer den Knopf. Und es funktioniert, der Verkehr wird rot und mir zeigt eine grüne Lampe an, das ich die Straße überqueren dürfte.

Peinlich ist, dass genau in diesem Moment ein Auto kommt. Ich sollte nun also tatsächlich die Straße überqueren, auch wenn auf der anderen Seite der Weg nicht wirklich weiter geht.

Das Wetter wird etwas schlechter, es ist bewölkt und windiger. Am Hafen hat das die Auswirkung, dass sich die Wellen schön an den Steinen brechen können.

Ich kann in der Ferne im Dunst leicht die Umrisse von Hachijojima und Hachijo Kojima entdecken.

Am Hafen selbst haben sich ein paar Fischer zusammengefunden und schauen gespannt auf das Meer, um zu erfahren, welches Abendessen es heute geben wird.

Ich mache auch noch einmal einen Stopp direkt am Krater, der Dampf ist heute intensiver und mir kommen auch die Steine heißer vor. Auf jeden Fall verbrenne ich mir kurz die Hand, als ich versuche mich abzustützen.

Auf Aogashima gibt es, oder vielleicht auch gab es, denn er sieht ziemlich zugewachsen aus, tatsächlich einen Campingplatz.

Ich bin nicht wirklich ein Campingfreund, aber ich stelle es mir ziemlich cool vor, hier mitten in der Caldera in einem Zelt zu übernachten. Hundert Meter zu Fuß sind auch die öffentlichen Vulkan-Kochstellen um sich sein Essen zuzubereiten und nochmal 100 Meter weiter das öffentliche Bad mit Sauna, in den man dann auch täglich sein Bad nehmen kann.

Ansonsten mache ich mir eine Freude an dem Abenteuer, die alten Straßen, welche früher Aogashima umrundet haben mit meinem Auto entlang zu fahren. Ich bin ziemlich nervös, den ich weiß nicht, wie weit ich diesen folgen darf, bevor sie gesperrt sind und richte mich gedanklich darauf ein, die engen Straßen wieder rückwärts hoch fahren zu müssen, da sie so eng sind, dass ein Wenden kaum möglich ist.

Es gab in Aogashima einige Kliffabbrüche, die Teile dieser Straßen mit in den Abgrund gerissen und im Ozean versenkt haben.

Deshalb wurde dann irgendwann auch ein Tunnel vom Hafen in die Caldera gebaut und die Hänge aufwendig gegen weitere Erosionen geschützt. Krass wenn man bedenkt, das nur ein weiterer Ausbruch, die ganze Insel auslöschen kann.

Nach dem Lunch hatte ich für heute eigentlich eine Einladung zum Fischen bekommen. Leider hat das Wetter da nicht mitgespielt. Es hat zugezogen und zu regnen begonnen. Da bin ich schon jetzt auf die Fähre gespannt und ob die fahren wird. Aber bis jetzt regnet es nur und es gibt keinen starken Wind.

Als Ersatzprogramm habe ich mich dafür entschieden die Sauna in mitten der Caldera zu besuchen.

Ich kenne ja nun schon ein paar Onsen und Sentos. Aber das hier ist an Hitze nicht zu überbieten. Bereits nach dem Schuhe ausziehen konnte ich nicht mehr entspannt auf einem Fleck stehen.

Nach dem gründlichen Waschen auf meinem Plastikhöckerchen habe ich versucht in das Heißwasserbecken zu steigen. Das Thermometer zeigte 43°C. Eigentlich okay. Ich habe mich für ein paar Sekunden tatsächlich bis über den Bauchnabel hineingehockt, aber das Wasser fühlte sich an als ob es direkt aus dem Krater kommt.

Ich gehe mal davon aus, dass die Temperaturanzeige auf Grund der Hitze selbst schon den Geist aufgegeben hat.

Also, als nächstes ab in die Sauna…

…und hier hatte ich das Gefühl die Hölle persönlich zu betreten. Also Augen zu und durch und auf die Holzbank gesetzt. Die Wassermengen die draußen auf mich eingeströmt sind, suchen sich jetzt ihren Weg aus meinem Körper raus um vor mir das Holz aufzuweichen. Aber tatsächlich halte ich es eine Weile aus und lasse die Tage Revue passieren.

Das Wetter war perfekt. Hätte es früher geregnet, wären die ganzen Wandertouren, die wir durchgeführt haben lebensgefährlich gewesen und ich hätte mir mit Sicherheit das Genick gebrochen. Da es aber auf Aogashima sicher genau so viel regnet, wie auf Hachijojima, hätte auch etwas gefehlt, wenn der Regen ausgeblieben wäre.

Zum Abendessen sind dann nocheinmal Satoshi San und seine Kinder eingeladen. Es gibt Spaghetti Bolognese, Frikadellen und einen mega leckeren Fisch, auch wenn er etwas gruselig ausschaut.

Danach zeigt Satoshi San mir noch einen alten Film aus dem Jahr 1966, in welchem das Leben auf der Insel damals gezeigt wird und die alten schamanischen Rituale, deren Schreine wir gestern noch versucht haben.

Der Regen und der Sturm scheinen in der Zwischenzeit Freude an ihrer Kraft gefunden zu haben. Es pfeift und wackelt im ganzen Haus.

Und aus meinem letzten Tag, wird mein vorletzter Tag.

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